Bar Este Alfama

Wenn nix mehr geht – geht man ins „Este“. Die kleine Bar in Alfama zählt ohne Zweifel zu den coolsten und eigensten Locations in der Rua dos Remedios in Alfama. Um das Konzept hinter dem „Este“ zu verstehen, muss ich an dieser Stelle ein wenig weiter ausholen.

Zoltan – Eigner und Barkeeper – wollte mit seiner Bar einen Kontrast zu dem Mainstream Tourismus-Trott bieten, der immer mehr die Seele aus den alten Stadtvierteln von Lissabon vertreibt.

Das mag sich erstmal krass und vielleicht auch ein wenig überspitzt anhören. Doch wenn man einige Zeit dort gelebt hat, kann und muss man Zoltan notgedrungen zustimmen. Sicher … die Bühne „Alfama“ bleibt bestehen: Enge Gassen, steile Treppchen, wunderschöne Hausfassaden, kleine Kirchen und viele Restaurants; Fado, der schweren Klänge in die Nacht hinausweint. Doch etwas geht nach und nach verloren … der Herzschlag. Die Menschen. Die Akteure: Alte Damen, die ihre Wäsche auf langen Leinen vor die Fenster hängen. Junge Leute, die in typischen Alfama-Style Dope-rauchend in kleinen Gruppen zusammenstehen und die neusten portugiesischen Chartbreaker auf dem Handy abspielen. Ältere Herren, die leicht gebeugt die ungemütliche Tasca aufsuchen, in der sie schon seit 20 Jahren bei einem Bierchen Benfica oder Sporting zujubeln. Für die wird der Platz hier langsam eng. Alfama wird nach und nach aufgehübscht. Es wird investiert, renoviert, saniert und aussortiert … „touristisiert”. Wohnungen werden zu Air-BnB oder unbezahlbaren Designer-Flats für finanzstarke Expats. Der Hafen an der Apolonia wird zukünftig doppelt so vielen gigantischen Kreuzfahrtschiffen Platz bieten wie bisher – das wären bei acht Schiffen pro Tag circa 20.000 Touristen, die sich zum großen Teil auf die Alfama stürzen.

In logischer Konsequenz passt sich Alfama den Bedürfnissen seiner Gäste an und nicht den Nöten seiner ursprünglichen Bewohner. Fado ist weniger Kulturgut als Marketinginstrument. Fast alle Kneipen, Restaurants, Shops und andere Dienstleister sind mittlerweile rein profitorientiert und lassen den kulturellen Aspekt links liegen. Und für Besucher ist das ja im Grunde auch nicht so prickelnd, da sie nur schwer einen Einblick in das ursprüngliche Lissabon bekommen. Sie werden als reine Devisenbringer angesehen und weniger als Gast, mit dem man sich austauscht und von dem man auch auf zwischenmenschlicher Ebene profitieren kann.

Verzeiht mir das Ausufern!

Aber dieser kleine Exkurs war wichtig, um das „Este“ voll und ganz schätzen zu können. Zoltan hat mit dieser kleinen Bar einen Knotenpunk erschaffen, der vornehmlich für die „Locals“ gedacht ist, in dem man aber auch als Gast offenherzig empfangen wird. Hier gibt es keine flauschigen Polstermöbel, sondern ein paar (insgesamt 8?) Sitzmöglichkeiten und einen Teppich, auf dem man draußen Platz nehmen kann. Keine DJ-Sets und Fado Life-Acts, sondern eine Playlist, die von den Gästen zusammengestellt wird. Keine stylishen Cocktails, die eher an einen Fruchtsalat erinnern und kohlemäßig in Gold aufgewogen werden, sondern ganz normale Getränke zu Preisen, die sich auch der Tellerwäscher, der Kellner, der Tourguide oder der Student von nebenan leisten kann. Keine Zurschaustellung portugiesischer Kultur, sondern ein Treffpunkt für Menschen, die sich hier meist nach getaner Arbeit ein Bierchen (oder mehr) gönnen. Die gemeinsam lachen, erzählen und sich wohlfühlen. Hier ist man. Punkt.

Auf das “Este” muss man sich einlassen möchten. Wer dies tut, wird mit einer tollen, familiären Atmosphäre belohnt. Der wird auf Menschen treffen, die echt sind. Die auch mal kritisieren und hinterfragen. Mit denen man aber mit der portugiesischen Seele auch Tuchfühlung kann, Ein- und Ansichten teilt oder auch mal ganz easy eine Nacht lang Dünnpfiff labert.

Lange Rede – kurzer Sinn: Das „Este“ ist für alle da aber nichts für Jedermann

Für uns war und ist es eine echte Bereicherung und fast immer eine Pflichtstation, wenn wir in Alfama unterwegs sind.

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