Saudade

Saudade

Man sagt den Portugiesen nach, sie seien rückwärtsgewandt und schicksalsergeben. È assim a vida! –So ist das Leben! Sogar die Acht-Uhr-Nachrichten werden mit diesem fatalistischen Spruch beendet.

Die Melancholie liegt wie ein Schleier über Portugal – Womöglich ist Portugal das einzige Land, das in selbstversunkener Melancholie schwelgt und sich ausdrücklich dazu bekennt. Wenn man es genau nimmt, lebt es gar davon. Ob in Reiseführern oder bei Schriftstellern aus aller Welt: An der „saudade“ kommt niemand vorbei, wenn von Portugal die Rede ist.

Das Wort hat wahrscheinlich seinen Ursprung im lateinischen „solitudo“ – „Einsamkeit“. Daraus wurde später solidade, soldade und letztendlich saudade. Eine Empfindung von Einsamkeit oder besser ausgedrückt ein „Sich-unverstanden-fühlen“ scheinen die Portugiesen mit der Muttermilch aufzusaugen. Mit dem lange Zeit feindlich gesinnten Spanien als Bollwerk gegen den Rest Europas blieb nur der Blick aufs weite Meer, der manch einen zur Schwermut verleitete.

Die saudade gehört zu Portugal wie der Fado und der Wein. Aber was bedeutet eigentlich dieser Begriff, für den es noch nicht einmal eine wörtliche Übersetzung gibt? Ist es Wehmut, Sehnsucht, Nostalgie, Weltschmerz, Fernweh oder Heimweh?

Es ist ein trauriger Gemütszustand, dessen Grund der betroffenen selbst nicht definieren kann. Viele meinen, die saudade hänge mit dem Sebastianismus zusammen, dem ewigen Hoffen auf bessere Zeiten und der Trauer über das Vergangene. Ihren Ausdruck findet sie im melancholischen Fado, der Musik der Nation. Was auf ausländische Besucher oft depressiv wirkt, ist für die Portugiesen ein Normalzustand. Man ist stolz auf diese typisch portugiesische Seele mit Tiefgang.

Der Portugiesische Essayist Eduardo Lourenco widmet der saudade ein ganzes Buch. In „Mythologie der Saudade“ schreibt er:  „Die Portugiesen sehen in der saudade das, was ihr Geheimnis ausmacht, die Grundlage ihres Existenzgefühls; so ist ein Mythos aus ihr geworden.“

Auszug aus dem fabelhaften Buch von Silvia Baumann „Kulturschock Portugal

photo credit: [noone] via photopin cc

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